Flor de Sal – Die Königin der Salze
Flor de Sal oder Fleur de Sel – wir kennen wohl alle die hauchfeinen, zerbrechlichen Kristalle, die im Mund und auf der Zunge herrlich knuspern und mit denen der Geschmack von Gegrilltem auf eine dezente, aber charaktervolle Weise abgerundet wird. Im Gegensatz zum herkömmlichen Meersalz schwimmen diese Salzblumen an der Wasseroberfläche und werden von Hand geerntet. Eine ressourcensparende Art der Salzgewinnung. – Von Boris Frenzel und Stephanie Prenzler
Einen feinen Salzgeschmack im Mund haben, ohne das Gericht zu versalzen? Das gelingt mit Fleur de Sel (wie es im französischen Sprachraum heißt) oder Flor de Sal (wie es im spanischen und portugiesischen Sprachraum genannt wird). Salzblumen gelten als die Königinnen unter den Salzen und verleihen Speisen eine feine, knusprige Würze. Fleur de Sal steht für Qualität und Genuss, genau wie hochwertiges Fleisch – oder anders gesagt: für Klasse statt Masse. Doch was unterscheidet es eigentlich von gewöhnlichem Salz?
Flor de Sal und alte Haustierrassen, die mit viel Liebe zum Produkt trotz oder gerade wegen ihrer genetischen Eigenschaften aufgezogen werden, sind Botschafter einer traditionsreichen Esskultur. Sie stehen für Respekt gegenüber Lebensmitteln, für das Handwerk, mit dem diese erzeugt werden, und eine enge Verbindung zur Natur. Für bewusste Esser ist Herkunft kein Detail, sondern Teil des Genusses. Zu wissen, woher das Fleisch auf dem Teller stammt, verändert die Perspektive – und den Geschmack. Auch beim Salz ist der Ursprung entscheidend. Über Jahrtausende war es kostbarer als Gold. Es konservierte Lebensmittel, diente als Währung, spielte eine Rolle in Ritualen und war strategisch wichtig. Die Römer bauten Straßen zu Salzlagerstätten – daher der Begriff Salzstraße. Der Sold („Salär“) der Legionäre wurde teilweise in Salz bezahlt. Die Gewinnung von Salz durch Verdunstung von Meerwasser – wie bei Flor de Sal – ist eine der ältesten Methoden. Schon die Phönizier und Griechen nutzten sie. Salinen waren Orte des Beobachtens und Wartens – und das sind sie bis heute.
Für Feinschmecker ist Flor de Sal eine Delikatesse, für bewusste Esser ein Zeichen handwerklicher Sorgfalt. So wie gutes Fleisch nicht erst in der Küche, sondern bereits durch die Zuchtauswahl geprägt wird, entsteht Flor de Sal nicht einfach auf Knopfdruck und in beliebiger Menge. Für beides gilt: Die Natur bleibt unberechenbar – und wird durch den Menschen zum Teil so stark dominiert, dass sie sich verändert. Was sich auf die Qualität der Lebensmittel auswirken kann, wie wir am Ende des Artikels noch etwas genauer beleuchten werden.
Die Gewinnung von Flor de Sal
In den Salzgärten von Castro Marim an der Algarve fließt Meerwasser durch Kanäle in flache Becken. Sonne, Wind und Gezeiten sorgen für langsame Verdunstung. An der Oberfläche bildet sich eine feine Kristallschicht: die „Salzblume“. Die Salzbauern schöpfen sie von Hand ab, bevor sie sinkt oder sich mit grobem Salz vermischt. Nach der Ernte wird sie lediglich an der Sonne getrocknet – ganz ohne Maschinen oder Zusätze. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung – all das beeinflusst die Ernte. Manche Jahre bringen viel Flor de Sal, andere fast keines. Diese Unplanbarkeit ist kein Mangel, sondern ein Zeichen der Natürlichkeit. Wer durch Castro Marim wandert, sieht Flamingos, alte Mühlen und spiegelnde Becken. Die Salinen werden mit Holzrechen gepflegt, das Wasser verdunstet langsam und Lebensräume für Vögel und Pflanzen bleiben erhalten. Die aufwendige und von der Natur abhängige Handarbeit sorgt dafür, dass Flor de Sal in deutlich geringeren Mengen hergestellt wird als herkömmliches Meer- und Speisesalz.
Die Salzbauern schöpfen die Salzblume von Hand ab, bevor sie sinkt oder sich mit grobem Salz vermischt. Nach der Ernte wird sie an der Sonne getrocknet.
Weniger ist mehr
Dann kommt der Moment am Grill. Der Rost ist heiß, das Fleisch zischt, es duftet nach Rosmarin und Röstaromen. Kurz vor dem Servieren greift man zur kleinen Schale mit den feinen Kristallen und gibt eine Prise über das Steak, den Fisch, das Gemüse – oder das süße Dessert. Es ist der letzte Handgriff –, aber er verändert alles. Das Salz schmilzt langsam, bleibt knusprig und hebt den Geschmack, ohne zu dominieren.
Ein Zuviel ist selten gut, das gilt für Fleisch wie für Salz. Die Verwendung von Flor de Sal kann für einen bewussteren Umgang mit Salz sorgen. Was nicht nur positiv für unsere Geschmacksnerven, sondern den ganzen Organismus ist. Laut der WHO liegt der Salzkonsum in der Europäischen Region aktuell zwischen acht und 19 Gramm. Empfohlen werden jedoch nicht mehr als fünf Gramm pro erwachsene Person und Tag, um das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu minimieren. Verantwortlich für einen hohen Salzkonsum ist nicht unbedingt der eigene Griff zum Salzstreuer, sondern eher die Vielzahl an vorgefertigten Produkten, die wir täglich verspeisen. Ob Brötchen oder Brot vom Bäcker, Wurst und Käse als Belag, die mittägliche Fertigpizza oder der abendliche vegane Aufstrich: In allen Produkten steckt industriell hergestelltes Salz. Wer seine Speisen selbst zubereitet und würzt, hat da eindeutig die bessere Position.
Wo viel Licht ist, ist stets Schatten – das gilt für Meersalz und somit leider auch für Flor de Sal. Hier kommt ein Auswuchs unseres technischen Fortschritts und Konsumverhaltens zum Tragen: die Verunreinigung mit Mikroplastik. Dieses sammelt sich in Ozeanen und Böden an, lässt sich in der Atemluft feststellen und beeinträchtigt unsere Nahrungskette – beginnend mit der Muttermilch. Selbst Steinsalz, das aus einem Millionen Jahre alten Vorkommen stammt, kann damit belastet sein. Beispielsweise durch die Verwendung von Einmal-Salzstreuern, in denen das Gewürz verkauft wird, durch Plastikverpackungen sowie durch die Produktion oder den Verpackungsprozess. Was Mikroplastik so bedenklich macht, sind die enthaltenen endokrinen Disruptoren – chemische Stoffe, die das Hormonsystem stören können. Doch mit denen kommen wir auf unterschiedlichsten Wegen fast täglich in Kontakt – und laut Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) ist es nach dem derzeitigen Wissensstand unwahrscheinlich, dass von Mikroplastik in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für uns ausgehen.
Fazit: Wer seine Ernährungsgewohnheiten so weit ändert, dass er nur selten oder gar nicht auf industriell gefertigte Nahrungsmittel zurückgreift, tut seinem Organismus auf jeden Fall etwas Gutes – und sollte den frisch gegrillten Fisch und das saftige Steak zum Abrunden des Geschmacks guten Gewissens mit Flor de Sal veredeln und genießen.
Marie Fleur – Flor de Sal
Reines Flor de Sal von der sonnigen Algarve. Direkt vor dem Servieren über die Speisen streuen, um deren Eigenaromen zu unterstützen bzw. zu verbessern. Naturell oder mit unterschiedlichen Gewürzen und Kräutern erhältlich.
Preis: 5,49 Euro (im 130 g-Glas)
www.shop-mariefleur.de
Flor de Sal – Made in Mosambik
Diese Meersalzblumen kommen aus den traditionellen Salzgärten Mosambiks, wo sie an der Wasseroberfläche kristallisieren.
Preis: 11,50 Euro (im 200 g-Päckchen)
www.conflictfood.com
Fleur de Sel – geräuchert
Auf den Salzfeldern von Guérande in der Bretagne geerntet und mehr als 120 Stunden über Buchenholz geräuchert.
Preis: 7,29 Euro (im 125 g-Glas)
www.sellavie.eu