Mobile und teilmobile Schlachtung: Tierschonend die Wertschöpfungskette steigern
Die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren, hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Vom Sonntagsbraten und der Wertschätzung von saisonalen Lebensmitteln in der Nachkriegszeit bis hin zu einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, in der Nahrungsmittel zu jeder Zeit und in aller Fülle verfügbar sind. Es sind in den letzten Jahren jedoch einige neue Technologien und Ideen entwickelt worden, um die Nachhaltigkeit der Nahrungsmittelproduktion und die Tierwohlstandards in der Landwirtschaft zu verbessern. Ein innovativer Ansatz bei der Schlachtung von Tieren, der in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit erregt hat, ist zum Beispiel die mobile oder teilmobile Schlachtung. – Von Bjoern Terhorst
Sandra Kopf und Thomas Mayer
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Tiere unter Stress leiden, wenn der konventionelle Schlachtvorgang eingeleitet wird. Das fängt beim Verladen und Transport an und setzt sich am Schlachthof angekommen weiter fort. Hier sind die Tiere unter fremden Artgenossen und müssen mit einer unbekannten Umgebung sowie mit anderen Gerüchen und Geräuschen umgehen. Faktoren, die sich einerseits auf die Fleischqualität auswirken und andererseits Fragen in Sachen Tierwohl und Ethik aufwerfen. Ziel sollte es sein, den Tieren einen würdevollen und stressfreien Tod zu ermöglichen.
Die Zukunft der Tierhaltung?
Generell wird zwischen mobiler und teilmobiler Schlachtung unterschieden. Bei der teilmobilen Schlachtung wird das Tier in gewohnter Umgebung direkt am Hof in einer mobilen Schlachteinheit (einem Anhänger) durch einen Bolzenschuss betäubt und per Bruststich und mit anschließendem Ausbluten getötet. Zwischen dem Bolzenschuss und dem Töten des Tieres dürfen nur 60 Sekunden vergehen. Im Anschluss wird das tote Tier innerhalb von zwei Stunden zum nächsten EU-zertifizierten Schlachthof gebracht, um es auszunehmen.
Bei der mobilen Schlachtung finden auch das Ausnehmen und die weitere Verarbeitung direkt vor Ort in der Schlachteinheit statt. Dies gestaltet sich allerdings bei Rindern wegen ihrer Größe sehr schwierig. Bei Geflügel funktioniert die Methode jedoch sehr gut, hier wird dann nicht per Bolzenschuss, sondern durch einen Elektroschock betäubt.
Vorreiter bei diesem Thema sind Sandra Kopf und Thomas Mayer, die vor mehr als zehn Jahren die Interessengemeinschaft „Schlachtung mit Achtung“ (www.schlachtung-mit-achtung.de) gegründet haben. Sie widmen sich vor allem dem Leid der Tiere, das durch eine konventionelle Schlachtung ausgelöst wird, und wollen den Schlachttieren einen möglichst würdevollen Tod ermöglichen. Das Ergebnis ist ein Hänger, mit dem die teilmobile Schlachtung von Rindern und mittlerweile auch von Schweinen durchgeführt werden kann. Pro Schlachtvorgang können hiermit bis zu drei Rinder oder sechs Schweine betäubt und getötet werden. Inzwischen sind bereits zwölf dieser Hänger in Deutschland, der Schweiz und Südtirol unterwegs. Der komplette Schlachtvorgang wird transparent gehalten und per Kamera aufgezeichnet. Die Tiere dürfen nur geschlachtet werden, wenn sie freiwillig in den Fangstand gehen und ganz ruhig sind.
Gerade im ländlichen Bereich ist der Einsatz der MSE (Mobile Schlachteinheit) besonders sinnvoll. Durch das Aussterben der kleineren Schlachtstätten und die Zentralisierung durch größere Schlachthöfe verlängern sich die Transportzeiten. Neben den auf der Hand liegenden ethisch-moralischen Vorteilen der Schlachtung vor Ort gibt es dabei natürlich noch weitere Pluspunkte.
Wie schon erwähnt, entfällt der Stress, welcher beim Transport und vor Ort im Schlachthof entsteht. Dies hat sehr großen Einfluss auf das Fleisch, also das Endprodukt. Weniger Stress bedeutet, dass weniger Adrenalin ausgeschüttet wird, welches sonst die in den Muskelzellen gespeicherte Glukose in Energie umwandelt. Da diese aber von den Tieren nicht mehr verbraucht werden kann, kommt es zu einer Übersäuerung des Fleisches. Der Stress hat zusätzlich Auswirkung auf das Wasserbindevermögen und die Scherkraft (Zartheit). Durch die Schlachtung vor Ort besteht weiterhin ein deutlich geringeres Verletzungsrisiko für Mensch und Tier. Die Kosten für die konventionelle Schlachtung sind zwar geringer, doch für den Erzeuger (und den Konsumenten) ergibt sich durch die teilmobile Schlachtung eine Stärkung der regionalen Wertschöpfung. Und eines muss uns bewusst sein: Wenn wir über Tierwohl sprechen, kostet das am Ende des Tages immer Geld.
Wer nutzt die MSE?
Kunden für die mobile Schlachteinheit sind Metzger, die Lohnschlachtung bei den Erzeugern anbieten. Aber auch Kommunen nutzen diese Möglichkeit und stellen den Erzeugern die Schlachteinheit zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung.
Fazit:
Die mobile Schlachtung ist ein vielversprechendes Konzept, welches großes Potenzial hat. Es gibt jedoch Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, wie die Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit und die Einhaltung der entsprechenden Vorschriften. Akzeptanz und Verbreitung dieses Konzepts hängen auch von den Verbrauchern ab. Wenn diese die Vorteile für das Tierwohl und die Umwelt erkennen und bereit sind, für hochwertiges Fleisch aus mobiler Schlachtung einen angemessenen Preis zu zahlen, könnte dies die Zukunft der Tierhaltung nachhaltig beeinflussen. Das wäre ein Schritt in Richtung einer nachhaltigeren und ethischeren Fleischproduktion und verdient daher unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung.