Der Appetit kommt beim Essen: Matthias Grenda im Gespräch mit Dr. Ute Cohen

Wenn ein Mann und eine Frau sich über das Thema Genuss, die Sinnlichkeit beim Kochen, das Handwerk Grillen & Smoken und die Lust beim Essen unterhalten, prallen zunächst oft Welten aufeinander. Zu unterschiedlich sind hier die Wahrnehmungen und wohl auch die klassischen Rollenverständnisse. Dabei muss das gar nicht sein, so weit „liegen“ Mann und Frau beim lustvollen Genuss von Speisen und Getränken (und anderen Dingen, die gemeinsam mehr Spaß machen) nicht auseinander, wie mir regelmäßige Gespräche mit Dr. Ute Cohen aufzeigen. Immer wieder geht es dabei um die Köstlichkeiten des Lebens, sowie um ihre und meine Lieblingsthemen wie Freiheit und ein ehrlicher Umgang mit der Realität basierend auf der langen Geschichte menschlicher Entwicklung, wie auch beim Zubereiten und Genießen von Speisen.

Sinn und Zweck von Genuss und dem Wecken der kulinarischen Gelüste ist bei Mann und Frau letztendlich gleich.

Das Sprichwort „Der Appetit kommt beim Essen“ entstammt einem äußerst bekannten Gemütszustand: Dass jemand zunächst keine Motivation hat, dieses oder jenes zu tun, dann aber durch das Anfangen Freude oder Interesse an der Tätigkeit und letztendlich eine Expertise entwickelt, die satt, glücklich und zufrieden macht. Manche sprechen dann sogar von einem rundum befriedigenden Zustand, wie auch nach einem opulenten Mahl. Doch wie alles Gute bedeutet das zunächst viel Arbeit. Jede Menge Vorbereitung, Wissen um die Zubereitung und handwerkliches Geschick sind verlangt. Bisweilen sorgt Nervosität zunächst schon beim Einkauf und schließlich bei der Zubereitung des Grillguts wie einer 18 Stunden gesmokten Rinderbrust für Herzklopfen, Schweißausbrüche und Kopfsausen. Klappt alles, schmeckt es, werde ich abliefern… Fast wie beim ersten Date.
Hier werden die Unterschiede und Ansätze von Mann und Frau schon besser spürbar. Das fängt bereits beim Nachdenken über das Lieblingsgericht oder der Zubereitung einer ganzen Menüfolge an. Und ja, es gibt die Klischees, wie Ute Cohen mir immer wieder bestätigt, dass die Frau hier sinnlicher unterwegs ist.

Doch die Ehrenrettung naht: Wenn der Mann eher über sein „Equipment“ und das „Feuer-Management“ nachdenkt und darüber tatsächlich sogar ausnahmsweise gerne spricht, ist selbst bei ihm eine gewisse Sinnlichkeit im Umgang mit zum Beispiel dem Fleisch erkennbar. Das Trimming einer Rinderbrust oder das Bestreuen mit Rubs darf bei vielen als durchaus zärtlich und virtuos beschrieben werden. Zur Höchstform läuft so mancher Pitmaster beim Moppen seines Grillguts auf! Dabei darf ruhig großzügig der Feudel geschwungen und gekleckert werden – Hauptsache, alles ist schön „sabschig“. Wem läuft da nicht das Wasser im Mund zusammen… bei der Aussicht auf ein rundum befriedigendes Finale, vielleicht sogar mit der Zigarette oder Zigarre danach… oder beim mehrstündigen Smoken auch dazwischen. Nimm das, du Sinnlichkeit!

„Sinn und Zweck von Genuss und dem Wecken der kulinarischen Gelüste ist bei Mann und Frau letztendlich gleich“, sagt Dr. Ute Cohen, „wie dessen äußerst relevante soziale und vor allem seelische Funktion.“ Die gesundheitliche und damit physische sowie psychische Auswirkung auf die Gesellschaft ist nachgewiesenermaßen enorm, der Bedarf an kulinarischem Seelenwohl groß. Denn, Männer und Frauen der westlichen Welt haben allzu oft den Umgang mit der Nahrung und das Wissen darüber, was gutes Essen für uns wirklich bedeutet, verloren. Viele sind unzufrieden, leidend, von Selbstoptimierung getrieben. Diäten werden in Freundeskreisen heiß diskutiert, medizinische und ernährungswissenschaftliche Ratgeber zu Bestsellern und ständigen Wegbegleitern. Dabei ist es wie beim Daten: Nehmt euch Zeit, macht euch Gedanken, seid vorbereitet und nicht enttäuscht, wenn es nicht gleich funkt. Wer dran bleibt, zeigt seine Persönlichkeit. Übung macht den Meister und der berühmte Appetit kommt beim Essen, ständigen Probieren und Verbessern. Wissen und Bildung erlauben dann auch die volle Konzentration auf das Objekt der Begierde, egal bei welchem Genuss. Das ist so ein bisschen, wie einen der selbstverständliche und erlernte Umgang mit Messer und Gabel sich auf das Gespräch und die Verführung fokussieren lässt. Man möchte seinen Partner ja auch nicht wie eine Mistgabel anfassen oder vor ihm oder ihr das Messer ablecken. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke… Guten Appetit.

 

 Ute Cohen studierte zunächst Sprachwissenschaften und Geschichte, promovierte in Rechtslinguistik, arbeitete in amerikanischen Unternehmensberatungen in Düsseldorf und Frankfurt sowie in einer internationalen Organisation in Paris. Heute lebt und schreibt sie als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin. Eines ihrer aktuellen Bücher ist ein Muss für jeden Kulinarik-Freund: „Der Geschmack der Freiheit – Eine
Geschichte der Kulinarik“
ISBN: 978-3-15-011479-7